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Die besondere Entwicklung sehgeschädigter Kinder


Um die besonderen Probleme sehgeschädigter Kinder zu verstehen, ist es wichtig, sich die Funktion und Bedeutung des Sehens in der allgemeinen kindlichen Entwicklung zu verdeutlichen. Die visuelle Wahrnehmung hat einen entscheidenden Einfluss auf die motorische, sozialemotionale und kognitive Entwicklung, die Kommunikation, die sprachliche Entwicklung sowie die Begriffsbildung und das Abstraktionsvermögen.

Lernen in den ersten Lebensjahren beruht auf sensorischen Erfahrungen, die das Kind macht und zunehmend zu verarbeiten lernt. Lernen verstehen wir hier im Sinne von Gesamtpersönlichkeitsentwicklung. Hierbei kommen 80 % aller Umwelteindrücke aus dem visuellen Bereich, die übrigen 20 % teilen sich das Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen, die Wahrnehmung des Gleichgewichtes und die Eindrücke der Tiefenwahrnehmung.  

 


Die emotionale Beziehung zu den Bezugspersonen spielt eine große Rolle. Sie gibt dem Kind Rückmeldung, Sicherheit und Orientierung. Hinzu kommt, dass ein großer Teil des Lernens durch Beobachtung und Nachahmung stattfindet. Außerdem spielt das Sehen bei der Bewegung im Raum und der Orientierung in der Welt eine herausragende Rolle. Um zu beschreiben, wie groß der Einfluss des Sehens auf die verschiedenen Entwicklungsbereiche sein kann, wollen wir dies beispielhaft verdeutlichen:

Der sehende Säugling reagiert auf für ihn interessante optische Reize, indem er seinen Kopf dreht und versucht die Reizquelle zu fixieren. Dabei ist das Gesicht seiner Bezugspersonen von besonderem Interesse. Das Verhalten des Säuglings löst meist eine positive Reaktion bei den Eltern aus, die das Verhalten des Säuglings verstärkt. Nach und nach führt dies zu einer wechselseitigen Kommunikation und damit zu einer Festigung der Eltern-Kind-Beziehung. Dieses Beispiel macht deutlich, dass Sehen zum einen die motorische Entwicklung anregt und zum anderen eine zentrale Rolle in der sozialen Interaktion zwischen den Eltern und ihrem Kind einnimmt.

Das Sehen ist der wohl umfassendste und präziseste Sinn, um Informationen über die entfernte Umgebung außerhalb des eigenen Körpers zu erhalten. Gleichzeitig trägt das Sehen entscheidend zur zielgerichteten Steuerung der eigenen Bewegungen und Handlungen sowie des Verstehens der Welt bei. 


  

Eine Blindheit oder Sehbehinderung „behindert“ den Prozess der eigenständigen Auseinandersetzung mit der Umwelt und der damit verbundenen Begriffsbildung in zweifacher Hinsicht: sowohl die Gewinnung von Informationen über die Umwelt wie auch die eigenständigen und zielgerichteten Entwicklungsmöglichkeiten auf die Umgebung werden beeinträchtigt.

Durch die Blindheit und Sehbehinderung des Kindes und die damit verbundenen unvollständige Informationsgewinnung werden vor allem die adäquate Verarbeitung von Reizen und die Art und Weise der Begriffsbildung erschwert.

Auch die Entstehung einer von Kind und Eltern positiv erlebten emotionalen Beziehung kann durch eine Sehschädigung erschwert werden. So nimmt der blinde Säugling die Anwesenheit der Eltern optisch häufig nicht wahr und reagiert nicht, wie erwartet, mit einem Lächeln auf sie. Das Fehlen oder die erhebliche Einschränkung der vorsprachlichen Kommunikation mittels Blickkontakt, Gesichtsausdruck, Lächeln und

spezieller Zeigegesten kann Eltern in ihrem Verhalten gegenüber ihrem Baby verunsichern. Von den Eltern wird die erschwerte Kommunikation mit ihrem Baby als frustrierend und somit belastend für die Beziehung zu ihm erlebt.


Zu unserem Personenkreis gehören auch blinde und sehbehinderte Kinder, die mehrfachbehindert sind. Das bedeutet, dass zu der Sehschädigung eine körperliche Behinderung, eine geistige Behinderung oder beides hinzukommt. Hierbei potenziert die Sehschädigung in erheblichem Maße die auftretenden Schwierigkeiten dieser Kinder in ihrer Entwicklung. Das Sehen regt die körperliche Bewegung und die geistige Entwicklung an. Umgekehrt verschafft z. B. Bewegung neue visuelle Eindrücke. Fähigkeiten in einem Bereich regen die Entwicklung im jeweils anderen Bereich an. Sind beide eingeschränkt, beeinträchtigen sie sich gegenseitig in einem erheblichen Ausmaß.


Durch die systematische Frühförderung werden blinde und sehbehinderte Kinder beim Aufbau individueller Fähigkeiten gefördert. Sie dient besonders der Kompensation behinderungsbedingter Nachteile und der Akzeptanz der eigenen Behinderung. Das Ziel ist, das Kind weitestgehend in die Lage zu versetzen, sein Leben zunehmend selbstbestimmt und eigenverantwortlich zu gestalten.